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was wolverine und hodenkrebs gemeinsam haben

15/11/2012

„hätt ich chemo bekommen, dann hätten sie mir platin durch die adern gejagt.“ meinte ich vor knapp einem jahr am küchentisch, als wir uns eigentlich über silber in wasser und hautcremes unterhalten haben. „das wär ja son bißchen wie bei wolverine“ wurde mir entgegnet, was ich mit einem „bei mir heilts nur nicht alles wieder so schnell“ kommentierte.

du so: „wolverine? und warum chemo?“

naja, ich mach da eigentlich kein so geheimnis draus, aber is jetzt auch nicht immer das thema, was man bei einer runde bier so locker nebenbei erwähnt:

„das konzert von the notwist war ja echt der hammer! ich steh so derbe auf die, vor allem bin ich immer live total begeistert! und ich habe übrigens krebs.“

kommt komisch, oder? fakt ist aber, ich hatte krebs, bzw. habe es immer noch, denn sie haben mit zwar den hodentumor entfernt, aber geheilt bin ich offiziell erst nach 5 jahren.

als ich als 10jähriger in hamburg auf gymnasium eingeschult wurde, wurde ich vorher vom einem arzt des gesundheitsamt untersucht und abschließend, nach horchen, fühlen und messen, tastete er mir die hoden ab um nachzusehen, ob beide an der richtigen stelle sind. damals war das ein skandal für mich! ich hab mich tierisch darüber aufgeregt – denn als ob ich nicht selber wüßte, ob meine „hoden“ da sind. schließlich befassen sich 10jährige schon mit ihren hoden.

diesmal kann ich froh sein, dass mein urologe, denn ich wegen einer lappalie aufsuchte, es für sinnvoll hielt, mich – da ich ja schon mal da sei – untenherum abzutasten und dann um auf nummer sicher zu gehen, gleich auch ein ultraschall zu machen. und da war es dann im wahrsten sinne schwarz auf weiß zusehen. um es in anlehnung an die worte von martin luther king zu sagen: “ i have a tumor“.

is das nen schock? ja! ich rauche, ich trinke, ich hatte schon ungeschützten sex und ich hab mal nen bungee-jump gemacht – aber hodenkrebs? damit hab ich nie und nimmer gerechnet. aber erst als ich es selber dann hatte, ist mir – abgesehen von einem fall – bewusst geworden, wie oft es in meinem erweiterten bekanntenkreis schon thema war: ein entfernter verwandter, ein schulkamarad von meinem chef, ein ehemaliger mitschüler, der bruder des ex-freundes von einem one-night-stand etc. usw. fragt mal in eurem bekanntenkreis, ich wette ihr kennt auch wen.

mein urologe rief sofort im krankenhaus an und meine op wurde auf genau eine woche später angesetzt.

er so: „den hoden wird man ihnen wohl rausnehmen“

ich so: „ich glaub, damit kann ich leben.“ (wirklich!)

also, um genau zu sein, ich will vor allem leben!

zeugungsfähigkeit war dann auch kurz thema, aber ehrlich gesagt, dass war in anbetracht so einer nachricht, viel zu abstrakt für mich: hallo – sie erzählen mir gerade, ich habe krebs und da soll ich mir gedanken darüber machen, ob ich irgendwann mal kinder will?? ich, der nich ma ne beziehung hat. na gut, vielleicht ist es nich so dumm, wenigstens mal darüber nachzudenken, aber eigentlich ist unsere welt doch eh überbevölkert und welchen anreiz sollte ich habe, weiter dazu beizutragen. aber thema wäre das eigentlich auch nur gewesen, wenn ich ne chemo bekommen hätte und – wie der erste satz dieses artikels ja gleich klarstellt, steht die chemo im konjungtiv.

denn ich habe glück gehabt, dass der tumor klein und ein seminom (gut!) war, keine marker/markierung des tumors im blut gefunden wurden und metastasen sich (bisher) auch nicht blicken ließen. das das teil bösartig sein würde, war im vorfeld schon mehr oder weniger klar, denn hodentumore sind in der regel zu 98% bösartig. dennoch kann ich sagen: „bisher bin ich mit einem blauen auge und einem hoden weniger aus der sache rausgekommen“.

du so: „wieso bisher?“

naja, wie schon erwähnt, 5 jahre wird es dauern, bis ich offiziel als geheilt gelte. die ersten zwei jahre laufe ich alle drei monate zum urlogen zur nachsorge (inkl. computertomographie oder magnetresonanztomographie), danach nur noch so alle halbe jahr.und nach 5 jahren kann ich dann über den krebs im präteritum reden.

du so nochmal: „wie gehts dir denn so damit?“

mir geht es gut. (menschen, denen ich das erzähle, sind meistens immer sehr bestürzt, weswegen ich immer sofort sage: ist ja alles gut gegangen – stimmt ja auch soweit.) manchmal erscheint es mir absurd, dass hodenkrebs thema in meinem leben ist: denn jetzt, ein jahr nach der op, denk ich nur selten dran. das regelmäßig zur nachsorge gehen stresst mich weniger. ein bekannter von mir hat einen sehr interessanten erfahrungsbericht dazu geschrieben und sagt, die zeit vor den nachsorgeterminen – vor allem die wochenenden davor – sein der absolute horror gewesen…ich kann das für mich nicht behaupten, aber ihn hats auch deutlich schlimmer getroffen als mich.

aber ich habs so viel tolle sachen im letzten jahr erleben dürfen:

  1. eine sensationelle wg-party mit meiner lieblings-wg und meinen lieblingsfreunden (und ca. 100 lieblings-menschen, die ich noch nie in meinem leben vorher gesehen habe)
  2. ich spiel seit nem knappen jahr in einer super coolen punk band und wir lassen die toten hosen sowas von alt aussehen (ok, erstens nicht schwer und zweitens sind die alt)
  3. ich war auf der glitrigsten hochzeit, die kansas city je erleben durfte und hatte nen picknick am grand canyon avec les grandes madames
  4. mit meiner mitbewohnerin auf der fusion im gras gelegen und der kleingeldprinzessin zugehört
  5. ich hab mit meiner mutter eine hecke gepflanzt und meinen bruder für soja-fleisch begeistern können
  6. mit den bemmann 5 die hochzeitscharts zerstört
  7. mit der ersatzband & band das abschiedskonzert des jahrhunderts gespielt

– wenn letztes jahr was schief gegangen wäre, hätte ich das alles verpasst!

hab ich aber nicht und jetzt aber sind es nur noch 4 jahre, bis ich sagen darf: so long and thanks for das blaue auge!

p.s.: da hodenkrebs relativ selten vorkommt und dementsprechend nicht alle ärzte die nötige erfahrung damit haben können, lohnt es sich ggf. bei bedarf bei zweitmeinung hodentumor vorbeizuschaun. ich fand die seite sehr hilfreich, auch wenn ich sie nicht in anspruch nehmen musste.

p.p.s.: danke für nudeln mit spinat, lustige taschebücher, hugh grant t-shirts, skandinavische krimis, cranberries, besuche, rauchen vorm urban-krankenhaus, gefühlte zwölf millionen sms, abholen und was ich auch vergessen habe – ihr, dir ihr händchen gehalten habt vergess ich nie!

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3 Kommentare leave one →
  1. 16/11/2012 14:03

    hach. schön.

  2. julie permalink
    16/11/2012 14:50

    auf die nächsten vier, und dekaden danach! ob mit oder ohne hoden, aber immer mit händchen, heart und rock'n'rrrroll!

Trackbacks

  1. forebber links #02 » antischokke

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