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10 jahre abitur und trotzdem viele fragen

24/12/2009

vor kurzem wurde ich via web 2.0 plattform von einem profil, das den namen meiner schule mit zusatz „abitur 2000“ trug, dran erinnert, dass ich 2010 bereits seit 10 jahren mit der schule fertig bin und dass dies anlass sei, sich doch wieder einmal zu treffen und gemeinsam zu feiern.

hm…ist das wirklich ein anlass?

wir waren ein ziemlich großer jahrgang – fast 200 leute – und die gesichter waren zwar insgesamt familiär, aber kennen tat ich eigentlich eher nur einen kleinen kreis ausgewählter personen, die sich tendenziell nicht unbedingt, aber irgendwie schon als freunde bezeichneten. nur um noch einmal zu verdeutlichen, wie umfangreich dieser jahrgang war: es gab leute, die mit mir ihr abiturzeugnis ausgehändigt bekamen, von denen ich mir sicher war, sie nie zuvor als schüler und schülerinnen meines jahrgangs wahrgenommen, bzw. überhaupt unsicher war, diese je auf der schule gesehen zu haben.
so, angenommen, ich gehe nun zu dem gemeinsamen treffen, wie läuft das dann ab? was macht man da, abgesehen davon, dass man sich furchtbar betrinkt – vielleicht nicht die schwangeren und die, die kinder haben, wobei letztere erst recht, weil sie ja quasi einen tag frei haben und die kinder bei den großeltern abgesetzt haben, frei nach dem motto: „dann können wir ja auch mal wieder was trinken und xy weckt uns nicht bereits um 6:30 und hat hunger“. über was wird denn auf solchen veranstaltungen geredet?

ein freund von mir hatte dieses brimborium bereits dieses jahr und – er promoviert in deutsch und geschichte – um zu vermeiden, den leuten genau erklären zu müssen, was er macht, einfach immer gesagt hat, er sei noch student, was dann auf zurückhaltende reaktionen stieß, denn es erschien etwas seltsam, dass es sich jemand in unserer leistungsgesellschaft leisten könne, 10 jahre nach abschluß der hochschulreife noch an der hochschule zu verweilen. (ich finde solche menschen ja grundsympathisch!)

daraus schließe ich, dass zunächst im vordergrund die frage steht:
„und? was machst du so?“
„mhh, ja, ich wohne in berlin.“
„echt, berlin, voll cool. wo denn da?“
„kreuzberg“
„ah echt! ein freund von mir wohnt im prenzlauer berg. ist voll nett da mit all den cafés und boutiquen“
„mhh…“
„ja und was machst du jetzt beruflich?“

und da gehts los: student bin ich nicht mehr, ich arbeite ja bereits. aber habe ich lust, den leuten zu erklären, was ich mache? menschen die ich zum großteil seit 10 jahren nicht mehr gesehen habe und mit denen ich damals mir nicht viel zu sagen hatte, außer vielleicht: und, was hast du für leistungskurse?“ menschen, denen ich zutraue, dass sie zum großteil irgendwas mit marketing, bwl, bank oder werbung machen und das wort gemeinnützig nur aus dem fernsehen kennen, nämlich, wenn rtl zur großen spendengala des jahres aufruft, vermeintliche „stars“ sich zu peinlichen playback auftritten bewegen lassen und bei champagner darauf anstossen, dass die deutschen ja so großzügige spender sein, die trotzdem das meiste geld am ende des jahres für nutzlose, nicht wieder zu verwertende silvesterknaller verwenden.

dann vielleicht doch besser sagen: „ich studiere noch“, wobei dass unweigerlich die frage nach sich ziehen wird:
„und was?“

nächste zwickmühle, denn was antworte ich jetzt?
wäre ich ehrlich – also im rahmen der gegeben ehrlichkeit, eigentlich bin ich ja kein student mehr – und ich würde mein studium, das abgeschlossen ist, aber jetzt gerade doch wieder aktuell, angeben – neuere und neueste geschichte, amerikanistik und soziologie – würde das zu weiteren unweigerlichen fragen führen, z.B.
1. und was macht man damit?
2. du wirst also lehrer
3. wenn du kein lehrer wirst, was macht man denn dann damit?

argh, habe ich lust darauf zu antworten? nein, sicher nicht! also studiere ich Maschinenbau oder informatik.

dann ist das gespräch aber noch nicht vorbei und wie es in so einer gesprächssituation erwartet wird – auch wenn ich keine chance hatte, sie zu vermeiden -, stelle ich ebenfalls all diese fragen und gebe ich mich dabei interessiert, obwohl mir die person und ihr fiat uno schon zu schulzeiten ein grauß war.
also frage ich:
„ja und du so? was geht bei dir?

irgendwo zwischen dem wortschwall „bwl-studium“, „studium in england“, „marketing bei coka-cola“, „yoga“ und „kiffen tu ich nicht mehr“ schalte ich ab und frage mich, ob es unhöflich wäre, jetzt ihn/sie zu unterbrechen und mich mit dem kommentar: „soll ich uns noch was zu trinken holen“ schnellstmöglich aus dem staub zu machen, um mir dann mit dem getränkeholen möglichst viel, viel zeit zu lassen, so dass mein/meine ex-gegenüber bereits in ein gespräch über „was machst du so“ mit jemand anderem verwickelt ist, der dies vielleicht eher zu schätzen weiß.

ich drücke ihm/ihr dann sein vodka-red bull in die hand (die kinder sind ja bei oma, da kann man ja wieder mal einen trinken, du verstehst) und entschuldige mich auf die toilette. sag ich zumindest, aber suche dann doch die alten homis, mit denen, da der kontakt nie ganz abgebrochen ist und man in regelmäßigen abständen erfahren hat, was der derjenige/diejenige so treibt, eigentlich ganz entspannt reden kann und sich die gruppe reletaiv schnell einig ist, dass diese veranstaltung eigentlich nur bekifft zu ertragen ist.
„gut, wer hat was dabei?“

p.s. die einladung zur veranstaltung erwähnt auch, dass man gerne seinen Partner/ seine Partnerin mitbringen darf. alleine zu erscheinen, stigmatisiert einen somit sowieso als loser…ich meine als einsamen loser…ich glaub, ich bleib zu hause!

2 Kommentare leave one →
  1. 25/12/2009 03:37

    ich bin zuhause geblieben.

    mein jahrgang war viel kleiner und die schule war viel kleiner, aber eben genau diese unvermeidbaren dialoge (eigentlich: monologe des statistischen mittelmaßes), in denen ich all meine kraft aufbringen muss, um der zu sein, der ich nicht bin, halten mich von solchen jubiläumsfeierlichkeiten ab.

    und: ich will mir einfach nicht die lebensupdates von all den menschen anhören müssen, die mich schon damals nicht interessiert haben. ob es nun bereiche sind, in denen ich mich unterlegen fühle (haus, hund, katze, maus, autos, kinder, boot, gehalt, urlaub) oder bereiche, in denen ich mich überlegen fühle (alle anderen).

    die einzige möglichkeit, dort spaß zu haben, wäre eine absurde flucht nach vorne. berichte von deinen 8 jahren im knast, deine beratertätigkeit für roland berger oder von der anzahl der kommerziellen hardcore-pornos (muss größer als 50 sein), in denen du mitgewirkt hast.

  2. 04/01/2010 18:34

    my 5 cent für die harcorepornvariante! gib’s ihnen, tarzan!

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